Welt bereisen Das Reiseblog des Ökumenischen Heiligenlexikons

Kategorie: Süditalien 2017

Mafia und griechische Tempel

   J. Schäfer         

Montag, 13. Februar

Ein kleiner Ausflug führt mich ins Landesinnere ins Städtchen Giarratana, in dem Antonius von Giarratana geboren wurde. In der Mutterkirche finde ich ein modernes Bild von ihm.

Die Antoninus „dem Abt” geweihte Kirche steht wieder einmal hoch am Berg …

… die Bartholomäus geweihte Kirche im Zentrum.

Mittwoch, 22. Februar

Nun sind die Tage länger und das Wetter ist fast durchgehend gut - jetzt kann's losgehen, ich bin ja fast festgerostet auf dem herrlichen Camping Luminoso. Erstes Ziel im Landesinnern, irgendwo im Nirgendwo, nur über die Koordinaten zu finden: das ehemalige Kloster Santa Maria di Terrana bei Caltagirone, in dem Ordensritter gelebt haben und Gerland Mönch war. Mein Navi führt mich auf eine kleine Straße, die mehr Feldweg ist, der einstige Belag durch den Regen oft von tiefen Furchen durchzogen; als das Navi mich dann auf einen unbefestigten Feldweg schicken will und noch mehr als 5 km zum Ziel anzeigt, wird es mir zu kritisch, ich suche - und finde - einen besseren Weg. Auch hier der letzt Kilometer unbefestiger Feldweg, aber in sehr gutem Zustand. Und 150 Meter vor dem Ziel: mäht einer den Wegesrand! Straßenränder werden hier nie gemäht! Noch zwei Biegungen und es liegt vor mir: unverkennbar einstmals Kloster, auf dem Dach der ehemaligen Kirche ein Kreuz, und alles in sehr gutem Zustand, dazu sauber und aufgeräumt. Heureka!
Ich steige aus, mit Fotoapparat in der Hand - und nun erhebt sich auch der stämmige Mann, der vor dem Anwesen auf der Bank saß: No Foto! Ich wolle nur das Kloster fotografieren. No Foto! Privato! Es sei heute privat, gewiss, aber früher war es ein Kloster! No monasterio! Privato! Seine Stimme, seine Gestik, sein Gesicht und die drei mich umringenden großen Hunde mache deutlich: hier ist nicht weiter zu verhandeln. Also no Foto.
Wohl das Anwesen eines kleinen Mafiosi, gut bewacht, und deshalb natürlich no Foto. Schade.

In Caltagirone ist die erste Station das Kapuzinerkloster am Rand der Altstadt, in dem Reliquien der Lucia von Caltagirone liegen.

Im Franziskanerkloster außerhalb der Altstadt waren Angelus und Antoninus Ordensmänner.

Die Kathedrale hat Reliquien von Gerland und von Lucia von Caltagirone - auch diese Stadt hat ihre Lucia, auch wenn diese nicht so bekannt ist wie die von Syrakus.

Caltagirone - im Namen der Stadt hört man noch das Arabisch qal'at-al-ganum, Burg der Geister - ist die Kermaikstadt; die Töpferkunst brachten die Araber hierher, im Zentrum gib es unzählige Läden mit Keramikkunst. Wenn diese Läden das anbieten, was Touristen wollen: dann ist der Geschmack der meisten Touristen noch bedeutend schhlechter, als ich eh schon dachte …

Auffällig: die vielen Schwarzafrikaner in der Stadt, ich hatte hier noch kaum welche gesehen. Natürlich ist die Küstenregion auch hier überzogen mit Gewächshäusern, damit die deutschen Supermärkte rund ums Jahr alles Obst und Gemüse anbieten können; im Unterschied zu Spanien sind die Erntearbeiter hier aber nicht Afrikaner, sondern Sinti / Roma aus Rumänen.

Berühmt ist die keramikverkleidete Treppe hoch zur Kirche Santa Maria del Monte. Wem's gefällt …
Ich bin jetzt wirklich in Sizilien - an der touristenverwöhnten Küste war das bislang nicht so. Aber hier: verfallende Häuser in den Außenbezirken, Müllberge, es wird aggressiv Auto gefahren. Und um die Mittagszeit ist Pausa - nichts los, trotz sehr angenehmer Temperaturen.
Das Landesinnere ist von der Mafia beherrscht. Mafia - das bedeutet Unabhängigkeit und Durchsetzen berechtigter Ansprüche. Die Bauern im Lande wurden immer von den jeweiligen Herrschern ausgebeutet, oft buchstäblich bis aufs Blut: von den Griechen, dann den Römern, von den Vandalen, dann den Arabern, von den Normannen und dann den Stauferkönigen - meiner Heimat zur Schande und trotz der unbestreitbaren kulturellen Verdienste von Friedrich II., schließlich von den Franzosen und dann den Spaniern. Und auch nach dem Anschluss an Italien änderte sich nicht viel: das Land blieb Kornkammer für die herrschende Macht, der Reichtum des Landes kam anderen zugute, die Bevölkerung hatte zu darben. Bis einige davon Ende des 19. Jahrhunderts rebellierten, für ihre Interessen kämpften: für unsere Sache, cosa nostra. Die Mittel waren so wenig zimperlich wie die der Herrschenden zuvor. Mit den USA kam am Ende des 2. Weltkriegs der Aufschwung dieser Bewegung: Drogenhandel, geheime Machenschaften um die Macht; wo die USA sind, ist auch der CIA, und der braucht Geld - mehr, als der offizielle Etat hergibt. Deshalb blühte in Kolumbien der Drogenhandel - bis Papst Franziskus den Friedensprozess anstoß, der hoffentlich jetzt zum guten Ende kommt; deshalb erlebte der Drogenanbau in Afghanistan seit dem USA-Krieg gegen den Terror eine regelrechte Explosion. So also auch in Italien - es galt, die kommunistische Gefahr einzudämmen. Und die immer regierende Democrazia Christiana war bestens damit verwoben und verstrickt.

Am prächtigsten wie immer: eine Bank im Zentrum.
Die italienische Bankenkrise - eine solche gab es anders als sonst fast überall 2008 nicht - ist jetzt voll ausgebrochen, Monte dei Pasci di Siena muss gerettet werden, das Radio meldet ein Ultimatum der EU. Wie das in Griechenland aus der Sicht des katholischen Erzbischofs von Athen aussieht, kann man hier Lesen: Die werden uns erst helfen, wenn wir tot sind

Auf dem Weg zum - natürlich - hoch auf einem Berg liegenden Städtchen Mineo: der Ätna.

In Mineo empfängt mich die Jesuitenkirche; Simon Bucceri trat hier in den Orden ein.

Am höchsten Punkt der Stadt steht die mächtige Kirche Sta Agrippina, geweiht der Stadtpatronin Agrippina von Rom, der Euprexia und Theognia die Heilung der Tochter dankten.

Manchmal bei Arbeitstagen denke ich ja: wie bequem wäre so ein großes Wohnmobil, wie es die anderen haben. Die Städte belehren mich dann eines besseren: kein Durchkommen, schon eine Fiat Ducato mit 2,15m wäre zu breit für die Gassen; diese hier ist die einzige Ausfahrt auf der Straße, die Autos links parken - 2 Meter ist das Maximum!

… nicht nur Mineo: alle Städte liegen auf einem Berg.
In einer Höhle im zerklüfteten Tal vor der Stadt lebte Agrippina.
Unten im Tal biege ich falsch ab - und komme so an die Lösung des Rätsels der Schwarzen in Caltagirone: eine riesige Flüchtlings-Unterkunft, mit Stacheldraht eingezäunt, bewacht von Polizisten und Militär mit MPs. Wunderschöne neue Häuser im Stil einer Reihenhaussiedlung, davor Massen schwarzer Menschen, herumlungernd, beschäftigungslos. Einige wenige haben es aber schon zu etwas gebracht: sie sehe ich auf dem Rückweg aus Caltagirone mit dem Fahrrad; wer kann, fährt die 10 km bergauf in die Stadt, irgendein Geschäft könnte dort möglich sein - zumindest betteln am Supermarkt, jeder Supermarkt hat seinen freundlich grüßenden Türsteher, der auf die Münze aus dem abgegebenen Wagen hofft .

In Licata komme ich wieder ans Meer. Die Hauptkirche - zur Basilika erhoben - ist Angelus geweiht, der als einer der ersten in den Karmeliterorden eintrat und hier als Märtyrer starb.
Die Leute sind jetzt am Abend zum Rosenkranzgebet versammelt.

Vor dem ehemaligen Kloster von Angelus gruppieren sich die beschäftigungslosen Männer - ein Bild, das vor fast allen öffentlichen Gebäuden zu sehen ist.

Donnerstag, 23. Februar

Ich übernachtete am Einkaufszentrum vor der Stadt. Zum Abendessen gibt's Pizza mit Pommes - so isst man das hier!! - samt Fanta für 6 €, da kann man nicht motzen. Bei Geschäftsschluss sehe ich, wie die Angestellten heimfahren: fast alle zu zweit auf einem kleinen Zweirad, noch nicht einmal eine Vespa. Schon in der Stadt war von europäischem Standard wenig zu sehen, das ist hier eher Marokko.

Beim Gang durch Palma di Montechiaro, wo Maria Tomasi im von der Familie gegründeten Kloster Maria Santissima del Rosario lebte und eine Vision über den Märtyrer Felix von Agrigento hatte, komme ich wieder an vielen Kirchen vorbei; in dieser ist gerade Messe, ordentlich besucht.
Ein Ort mit 5000 Einwohnern kann hier über 20 Kirchen haben, es ist unglaublich! Und ich muss vorab immer aufwändigst herausfinden, welches die ist, die ich suche.

Ausnahmsweise in hervorragendem Zustand ist die Kirche Maria Santissima del Rosario in Palma di Montechiaro; sie hat Reliquien von Transpadanus.

In der Stadt hat das Leben am Vormittag eher ruhigen Charakter.

Im kleinen, noch immer aktiven Kapuzinerkloster in Naro lebte Lukas von Naro. Die Kirche hat ein schönes Franziskus-Bild.

In der Krypta des ihm geweihten Santuario in Naro wird Calogerus von Sizilien verehrt.

Daneben ist die Höhle, in der er gelebt haben soll, mit seiner Darstellung und vielen Votivgaben. Die Wallfahrt hierher ist nach den dafür vorhandenen Einrichtungen zu urteilen sehr beliebt …

… und sitzen kann man hier auch ohne Wallfahrt.

In Canicattì wird - fälschlicherweise - Pankratius von Taormina verehrt. Auch in diesem Städtchen gibt es eine Menge Kirchen, so diese des Fegefeuers, genau gegenüber dem großen Haus der Pleitebank Monte Dei Paschi. Sage keiner, die Kirche habe keinen Humor!

Auf der Suche nach dem ehemaligen Kastell schnaufe ich zu Fuß die Gassen hoch zur Bergspitze …

… weil für dort das Santuario - das ehemalige Kastell? - ausgeschildert ist. Es ist aber nur ein Franziskanerkloster mit Marienbild, und um die Mittagszeit natürlich geschlossen.

Lohnend immerhin ist der Blick auf die Stadt.

Agrigento empfängt mich mit der Nikolauskirche, schon vor 1000 gebaut - also zur Zeit der muslimischen Herrschaft - mitten im berühmten Tal der Tempel, später Kirche eines Zisterzienserklosters, dann des Benediktinerklosters, seit 1426 bis heute des Franziskanerklosters.

Von weitem: der Tempel der Concordia, den Bischof Potamion von Agrigento zur Kirche umwandelte und der deshalb sehr gut erhalten ist - der besterhaltenste griechische Tempel überhaupt; die Kirche wurde bis zum 18. Jahrhundert genutzt.
Unweit ist mein Ziel: der Campingplatz von Agrigento. Inzwischen wurde es so warm, dass ich den ersten Abend ohne Heizung verbringen kann; der Preis für den warmen Wind aus der Sahara ist ein durch nächtlichen Regen vom Saharastaub weiß überzogenes Auto.

Tracks
Giarratana
Licata - gibts nur den 2. Teil - die dumme App schaltet sich nicht selbst ein
Agrigento

Logbücher - weil ich immer wieder danach gefragt wurde:
Reiselogbuch - 2017-1-1
Reiselogbuch - 2017-1-2
Reiselogbuch - 2017-1-3

geschrieben am 22., 24. und 25 Februar 2017

Warten auf den Sommer

   J. Schäfer         

Samstag, 27. Januar bis

Ich fühle mich pudelwohl hier auf dem Camping Luminoso, es ist alles einfach perfekt, oft auch der Sonnenuntergang.
Die Fahrt zum Einkaufen nutze ich, um Madonna delle Milizie, die Madonna des Volksheeres zu besuchen; dies geht zurück auf das in einer Legende des 17./18 Jahrhunderts erzählte Erscheinen der Maria hoch zu Ross beim Kampf gegen die Muslimen 1091 an der Stelle des heutigen Santuario Maria delle Milizie oberhalb der Küste - ähnlich wie Jakobus in der Schlacht bei Clavijo -; so ermutigt eroberte Normannenfürst Roger I. die Insel.

Eine Winterreise

   J. Schäfer         

Donnerstag, 12. Januar bis 26. Januar

Nachdem der Wetterbericht nach längerer Zeit für Donnerstag den ersten schnee- und eisfreien Tag vorhergesagt hatte, habe ich mir diesen für die Fahrt zu meiner Tante nach Aigle in der Schweiz ausgesucht. Tatsächlich wurde es eine entspannte Tour, sogar ohne Stau.
Für den nächsten Tag war dann schon wieder Schnee angesagt; er kam am übernächste und, wie man sieht: in großer Menge. Für die Weiterfahrt entscheid ich mich deshalb gegen die direkte Route über den Tunnel durch den Großen St. Bernhard - dessen Einfahrt liegt auch schon auf über 1900 Metern - und für den Umweg über Genf und den Mont-Blanc-Tunnel - alles Autobahn und nur rund 1300 Meter hoch. Gleich hinter Aigle begann wieder heftiger Schneefall, auch die ordentlicher Schweizer bekamen ihre Autobahn nicht geräumt, bis hinter Lausanne ging's im Schneckentempo. Die Vorstellung, in zwei Tagen das Ziel auf Sizilien zu erreichen, war endgültig dahin. Immerhin: nach dem Tunnel, in Italien: kein Schnee, sogar Sonne. Am Abend bei Modena sagte ich meiner Tante am Telefon, das Thema Winter sei für mich definitiv vorüber. Ein Irrtum!

Vorschau

   J. Schäfer         

Im Januar soll es wieder losgehen: Tunesien ist diesmal mein Ziel. Dort war mit Karthago ein wichtiges Zentrum des frühen Christentums, aber auch an anderen Orten lebten und wirkten Christen.
Die Einreise nach Algerien wäre möglich, aber man kann dort nur in vorgebuchten Hotels wohnen und sich oft nur in Polizeibegleitung durch's Land bewegen, das will ich mir nicht antun.
Nach Tunesien geht's deshalb - voraussichtlich im Februar - zurück nach Sizilien und dann durch Süditalien, hoffentlich schaffe ich auch Rom noch, bevor ich im Juli zurückkehren muss.