Welt bereisen Das Reiseblog des Ökumenischen Heiligenlexikons

Rettungsflug

   J. Schäfer          

Donnerstag, 2. April, bis Montag, 6. April

Gestern Abend wurde ich richtig euphorisch: Raus aus der Gefangenschaft, zuhause vernünftig und produktiv arbeiten können, mit Internet am PC - wow! Ich musste mich zwingen, die Euphorie zu dämpfen: Vielleicht bekomme ich ja keinen Platz im Flieger, vielleicht klappt das nicht mit Auto beim Zoll - und auch der Flieger könnte abstürzen … - also: Gemach!
Heute morgen, nach geruhsamem Schlaf das Gefühl: ich bleibe hier, es fehlt doch an nichts! Vernunft und Telefonate und die Erinnerung an gestern Abend bringen mich zum Ergebnis: ich probiere es, dann schauen wir, was passiert, ich lege es in Gottes Hand und werde so oder so zufrieden sein. Also alles organisieren - Matthias, der Resident, war eine ganz große Hilfe. Und dann alles vorbereiten: viel packen kann ich nicht, ich habe keinen Koffer / Reisetasche etc., nur den kleinen Packsack meines Duschzeltes; aber das Auto muss ich sommerfest machen.

Am Freitag: 5 Uhr schellt der Wecker, 6 Uhr kommt das Taxi nach Tunis. Es regnet wie aus Kübeln - Tunesien will mich verabschieden, indem es sich als grau, kalt und ungemütlich erweist. Kurz nach 7 Uhr sind wir am Flughafen - wo schon eine große Menschenmenge, mehrere hundert Leute, wartet. 8 Uhr ist Einlass und dann geht alles sehr zügig: Prüfung der Erklärung für den Rettungsflug - 250€ werden einem später in Rechnung gestellt, Check-in: es kommen alle 450 Wartenden mit. Die Leute von der Botschaft sind zahlreich, sehr freundlich und sehr hilfsbereit. Meine eher kritische Anmerkung von letzter Woche ist widerlegt. Ich habe der Botschaft dann gemailt: Als Teilnehmer an Ihren gestrigen Rettungsflügen Danke ich zunächst der Bundesregierung für dieses Angebot und dann sehr herzlich den Mitarbeitern Ihrer Botschaft für das ausgesprochen freundliche und hilfsbereite Wirken am Flughafen Tunis.
Auch das Auto beim Zoll abmelden geht völlig problemlos, dann die Ausreiseerklärung ausfüllen, Passkontrolle, Boarding - und pünktlich um 11 Uhr hebt der Flieger nach Köln ab - es gab vier Flüge, das Ziel in Deutschland konnte man sich nicht aussuchen, aber Köln kommt mir gelegen. Die Maschine ist gefüllt bis auf den letzten Platz - sehr wenige Touristen, zuallermeist in Deutschland lebende und arbeitende Tunesier; die Frau neben mir ist eine junge tunesische Altenpflegerin mit Wohnsitz Köln: die braucht man dort jetzt dringend!

Schon nach knapp 2½ Stunden die Landung in Köln - auf einem völlig leeren Flughafen - ein riesiges Areal menschenleer, alle Schalter und Geschäfte geschlossen: apokalyptisch? Es landeten heute laut Anzeige 8 Flugzeuge: drei Linienmaschinen, fünf Rettungsflugzeuge. Das war alles! Eine einsame Frau am einzigen geöffneten Laden verkauft Backwaren - mein erstes Essen heute. In einem fast leeren Zug geht es freitags um 16 Uhr (!!) in die Stadt zu meinem Sohn und seiner Frau in die Wohnung, dort Luxusmenue zum Abendessen und viele Telefonate, dass alles geklappt hat. Zwei Tage Erholung pur mit warmer Dusche, Spaziergänge bei Frühlingswetter durch den fast menschen- und autoleeren Stadtteil, Schinken und Brötchen zum Frühstück: ja, ich bin ein Luxus liebender Deutscher! Sonntags kommen zwei Stuttgarter Söhne, montags fahren wir mit dem Auto nach Hause.

Ich werde nun zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne bleiben; ich bin sicher, Tunesien gesund verlassen zu haben, die letzte ernsthafte Möglichkeit zur Ansteckung wären die damals Rettungsfliegenden gewesen, die teilweise erst kurz zuvor mit der Fähre aus Genua gekommen waren, aber das ist vierzehn Tage her. In der Warteschlange und dann im Flugzeug wäre dagegen eine Ansteckung denkbar, also muss ich meine Mitmenschen schützen.

Die nächste Fähre von Tunis nach Italien geht laut Webseite - Stand heute - am 26. April. Die Illusion, dass dann im Mai eine Fortsetzung der Reise durch Tunesien und Süditalien möglich wird, habe ich aufgegeben. Ob ich wirklich im Mai schon mein Auto abholen und überführen kann, wird sich erweisen - wohl eher kaum, auch wenn seit drei Tagen die Zahl der Neuinfizierten in Italien zurück geht - Gott sei Dank für etwas Entspannung in diesem gebeutelten Land! Der sizilianischen Regierung in Palermo habe ich als Antwort auf ihre - höchst verständliche Absage - von vor zehn Tagen nun gemailt: Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundliche und außerordentlich ausführliche und individuelle Antwort, die zudem noch sehr schnell erfolgte. Ich kann Ihre Verwaltung nur in höchsten Maße loben und werde die auch in Deutschland so verbreiten. Für das höchst unsolidarische Handeln der deutschen Regierung gegenüber Italien in der jetzigen Krise schäme ich mich.

Das Ankommen zuhause fällt mir schwer: ich bin gedanklich noch immer halb in Nabeul. Fliegen ist keine vernünftige Art des Reisens! Indianer wissen: es ist nicht gut, wenn der Mustang schneller ist als die Seele. Die Seele braucht Zeit, die Veränderung des Klimas, der Landschaft, der Düfte, der Mentalitäten, des Essens, der Menschen zu verarbeiten.
In Tunesien sind es - Stand 4. April - nun 553 Corona-Infizierte, davon 11 im Bezirk Nabeul, bei bislang 19 Todesfällen. Ich hoffe so sehr für das Land, dass sie das Ziel - bis zu maximal Tausend Infizierte am 15. April, die sie dann mit ihren 50 Beatmungsgeräten versorgen können - erreichen, und es sieht so aus, als ob sie das schaffen!

Logbuch Reiselogbuch-2020-1-5

geschrieben am 5. und 6. April 2020



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