Welt bereisen Das Reiseblog des Ökumenischen Heiligenlexikons

Ich liebe Serbien ...

   J. Schäfer          

... denn darin lebt ja sozusagen das alte Jugoslawien - wenn auch nur als ein trauriger Rest - fort. Jugoslawien war meine Jugendliebe, und der wird man nicht untreu. Und außerdem haben die Serben damals auf dem Amselfeld / Kosovo Polje für uns im Westen das Christentum gegen die heranstürmenden Türken gerettet. *


Ich liebe also Serbien - aber alte Liebe ist bekanntlich oft nicht unproblematisch. Zwei Mal war ich hier seit den Jugoslawien-Kriegen, beide Male wollte ich nur durchfahren. Das erste Mal ergab es sich, dass ich fast verprügelt wurde, weil ich für eine ältere Dame am Zebrastreifen angehalten hatte und dann den auf der zweispurigen Straße neben mir dennoch vorbeirauschenden Serben angehupt habe. Das empfand der als Belehrung - und wollte sich das von einem Deutschen, die doch wesentlich mitschuldig waren am Zerfall Jugoslawiens und also am Krieg und am Niedergang, nicht bieten lassen. Die empfundene Demütigung war zu groß, das Selbstbewusstsein waidwund und ich habe gleich verstanden, warum der nicht nur mein Auto bespuckt hat, sondern mich beim nächsten Halt aus dem Auto zerren wollte. Volles Verständnis, aber die Prügel des Aufgebrachten, ein kräftiger junger Mann, und seiner zwei Begleiter wollte ich dann doch nicht - in höchster Not und letztem Moment haben serbische Passanten den Beleidigten zurückgehalten und mich gerettet. Damals wollte ich nur durch- und heimfahren und habe dann plötzlich vieles verstanden, auch wenn es nur Minuten dauerte.

Donnerstag, 9. Mai

Auch jetzt wollte ich nur durchfahren. Die erste Nacht der Reise hatte ich im schönen Wienerwald geschlafen, heute wollte ich möglichst schnell Ungarn, Serbien und Bulgarien durchqueren und wenn möglich in Edirne übernachten. Ungarn ging einigermaßen schnell, auch die Grenze nach Serbien war gar kein Problem. Aber 5 km nach der Grenze war Schluss mit fahren, die Kiste wollte nicht mehr.

Eigentlich hatte es gestern begonnen. Um 10 Uhr kam ich von Hedelfingen los - endlich. Kurz wollte ich dann noch in Esslingen bei meiner Mutter vorbei, ihr etwas verfrüht den Muttertagsstrauß abgeben. An der Ausfahrt der B 10 fuhr ich statt nach rechts um die Kurve um ein Haar geradeaus - denn die Servolenkung wollte plötzlich nicht mehr. Nicht die Lenkung war das Problem: der Motor war ausgegangen, in voller Fahrt - dann muss man unvermittelt kräftig lenken, weil die Servounterstützung fehlt. Also rollte ich aus der Ausfahrt, dann war Schluss. Starten wollte die Kiste auch nicht mehr. Der Stau hinter mir an der Ampel hupte kräftig - im dritten Versuch lief der Motor wieder. Also sollte ich noch vor dem Besuch bei der Mutter in die am Weg liegende Ford-Werkstatt? Nach 10 von geplanten 10.000 km?? Erst mal den Blumenstrauß abgeben, dann werden wir sehen ... Nach dem Besuch ließ sich der Motor 1A starten. Also ohne Verzug los, Iskenderun ruft! Auf der Autobahn ging er noch zweimal aus, aber dann lief er tadellos, auch in allen Staus. (Ich war ja am Vortag des wegen Christi Himmelfahrt langen Wochenendes losgefahren - so blöd sind die Rentner, keine Ahnung mehr von Ferienzeiten!) Nach der Nacht im schönen Wienerwald schnurrte er auch wieder ganz ordentlich. Manchmal ging er aus - wenn man das mit der Lenkung weiß, ist es kein Problem, meist ließ die Kiste sich noch im Rollen wieder starten. Irgendetwas war also wirklich nicht in Ordnung - ich überlegte, es könnte die Elektrik sein, denn zum ersten Mal, seitdem wir letzte Woche die Solaranlage angeschlossen hatten, scheint nun in diesen zwei Tagen die Sonne - hatten wir einen Fehler gemacht? Die letzte Inspektion war vor kurzem. Öl, Temperatur, alle Anzeigen bestens. Also wollte ich mich mit gelegentlichem Neuanlassen in die Türkei durchschlagen, die kennen sich aus mit Ford Transit - die werden nämlich dort gebaut. 5 km nach der serbischen Grenze war Schluss mit Fahren, die Kiste wollte gar nicht mehr!

Nun bin ich ja dieses Jahr Mitglied zweier Automobilclubs, hatte also die Wahl und habe den ADAC angerufen. Nach fünf Minuten meldete sich der serbische Partner und teilte mit, in 20 Minuten sei der Abschlepper da. Der kam tatsächlich nach untadeligen 53 Minuten. Schaute in den Motor, fand nichts Falsches, starte ihn - er lief. Damit sei das Problem behoben, strahlte er glücklich - glücklicherweise handelte ich mit ihm und seinem Chef und dem serbischen Autoclub aus, dass er zunächst hinter mir herfahren soll, wer weiß ... Nach fünf Kilometern stand ich wieder, jetzt lud er mich auf. Er werde mich zu einer Werkstatt an der übernächsten Raststätte bringen, die habe elektronische Ford-Diagnose und könne den Fehler sicher finden.

Und da sitze ich nun und schreibe. Und habe jede Menge Zeit dazu. Als wir um 16.30 Uhr eintrafen, war noch nicht Feierabend - schon 'mal gut. Die Frau, die das Diagnosegerät bedient, sei aber leider gerade unterwegs, ich möge mich gedulden, mir werde auf jeden Fall umgehend geholfen. Nach einer Stunde: der Mann käme von FORD aus Novi Sad, er sei bald da. Nach einer weiteren Stunde: er sei unterwegs. Eine Stunde danach kam er, mit Computer-Diagnosegerät: Einspritzpumpe defekt, der Computer zeigte es eindeutig auf verständlichem Englisch. Vieles andere zeigte er auch, aber der Experte wird schon wissen ... 50 € cash, die Rechnung liege im Büro ...

Der Werkstattbesitzer ist wirklich nett. Er wird mir helfen, no Problem, und sein Arbeiter werde arbeiten, bis das Auto wieder fährt. Der Computermann ist auch noch da, man hat ja Zeit hier und keiner pocht auf Feierabend. So zeigen sie mit zu Dritt das Becherchen mit Diesel und dem wahren Problem - Eisenspäne von der defekten Einspritzpumpe im Kraftstoff, nachgewiesen per Magnet. Oder war es Apfelsaft? Eisenspäne wird man in einer Werkstatt auch finden. Befund: Weiterfahrt unmöglich, viel zu gefährlich, die Eisenspäne machen die Zylinder und damit den kompletten Motor kaputt - das ist einsichtig. Und die neue Pumpe: no Problem, die sei schon unterwegs aus Belgrad. Was die denn koste? Das werde er in zwei Minuten aus Belgrad erfahren. Leider läutet das Telefon nicht. Zeit für Gespräche: Was ich denn arbeite. Wie viel man in Deutschland verdiene. Stuttgart sei eine gute Stadt, er war schon vier Mal in Heilbronn. Und dem Pfarrer erzählt er dann, wie herausfordernd sein Job ist beim Abschleppen, wenn es Tote gibt. Und dass er im Jugoslawien-Krieg den Waffendienst verweigerte und deshalb noch heute bezahlen müsse.

Die Werkstatt ist aufgeräumt und sauber, Partner des serbischen Automobilclubs. Die Toiletten der Raststätte sind hervorragend. Zu den zwei LKW, die schon die ganze Zeit an der Raststätte standen, kam auf die Nacht ein dritter hinzu - und später sogar noch ein PKW. Am nächsten Morgen sind auch die weg und der ganze Parkplatz ist leer - an der Europastraße 75. Aber Tankstelle und Shop, Bar und Restaurant sind groß, modern, sauberst, 24 Stunden geöffnet. Nur der Prachtbau aus Titos Zeiten, das Motel, steht leer. Die Luft ist gut - es gibt ja fest keinen Verkehr auf der Autobahn. Die Sterne funkeln, die Grillen zirpen. In der Werkstatt hat man Zeit, es kommt ja nicht alle Tage Kundschaft. Ich habe dennoch Skepsis und sage schließlich, ich müsse weiter. Das gehe auf keinen Fall, viel zu gefährlich für den Motor, und der Mechaniker hat ja auch schon angefangen ... tatsächlich sind erste Teile demontiert. Leider, so stellt sich heraus, sind die Teile in Belgrad für den 2-Liter-Motor nicht vorrätig, aber, no Problem, sein Freund - der sei Muslim, aber er komme ja mit allen gut aus, habe ja im Krieg nicht mitgemacht - bringe sie aus Bosnien, bald schon. Was das koste - er werde fragen.

Ein Mann trifft ein in einem uralten YUGO - das waren die nachgebauten Fiats für Jugoslawien, zusammengeschraubt in Kragujevac - der Stadt, in der man mich damals verprügeln wollte; so schließt sich der Kreis um mein geliebtes Serbien. Er ist der Hilfsmechaniker, wie sich später herausstellt. Der Chef erzählt und redet über die Probleme der Welt - Euro schlecht, DM gut, Irak groß Problem, Palästinenser auch (er weiß inzwischen, dass ich nach Israel will), China gut, Amerika hat jetzt viel Öl. Seine Freundin ist Christin. Der reformierte Pfarrer seiner Heimatstadt ist nett. Es gibt noch einige Deutsche hier in der Batschka. Tito war gut. Kosovo ist viel Problem. Außer der Einspritzpumpe brauche man noch den Sensor an der Kardanwelle, die Düse, Leitungen. Die komplette Kraftstoffversorgung einschließlich Tank müsse man ausbauen, no Problem, sie arbeiten die ganze Nacht. Schlafen könne ich im Auto, no Problem, sie arbeiten vorne und unterhalb. Ich bekomme Sonderpreis: nur 1900 € für alles, normal koste es 2400. Ob ich Geldkarten hätte, ich könne bezahlen mit VISA, Maestro, allen anderen, no Problem.

1900 € - und die 50 für den Diagnostiker und noch ein bisschen Trinkgelder - etwa so viel wollte ich in den ganzen 10 Wochen ausgeben! Alles nur Fake hier? Inzwischen liegt die Nockenwelle frei - da sind wirklich kleine Späne. Ist das völlig abnormal? Dass die Einspritzpumpe bei den neueren 2,4-Liter-Motoren des öfteren Probleme macht und die Reparatur dann richtig teuer ist, habe ich vor einiger Zeit zufällig gelesen. Also bin ich ein Glückspilz, weil ich in Esslingen einige Tage auf die Reparatur gewartet hätte und noch viel mehr bezahlt? Oder ist doch alles nur Fake und die Elektrik der Solaranlage das Problem - obwohl wir ja eigentlich alles richtig gemacht hatten?

Ich lese gerade Glückseligkeit von Zülfü Livaneli - ein großartiges Buch über die traditionelle und moderne Türkei, das eindrücklich Verständnis eröffnet. Darin findet sich der bekannte Witz: Wie beschrieben die größten jüdischen Denker mit einer einzigen, kurzen Aussage die Welt? Moses sagte: Gott ist alles! Jesus sagte: Liebe ist alles! Marx sagte: Geld ist alles! Freud sagte: Sex ist alles! Einstein sagte: Alles ist relativ!

Jetzt ist Mitternacht. Sie arbeiten fleißig. Die Werkstatt ist voll von ausgebauten Teilen. Morgen kommt der Bosnier, dann kann ich weiter, no Problem. Und ich geh' schlafen. Und in dem Moment, da ich das geschrieben habe, verabschieden sich die beiden Arbeiter, der Chef ist schon länger weg. Morgen 10 Uhr machen Sie weiter, no Problem. Dann habe ich also immerhin eine ruhige Nacht!

Freitag, 10. Mai

Ich habe schon oft an Autobahnraststätten geschlafen. Das gleichmäßige Brummen des Verkehrs stört nicht mehr, selbst an die lauten Aggregate der Kühl-LKWs kann man sich gewöhnen. Aber wenn nur alle 5 Minuten ein Auto vorbeifährt - erst leicht an-, dann wieder abschwellendes Geräusch, dann die Stille bis zur Wiederholung - das verhindert das Einschlafen. Schlimmer noch war der Hilfsarbeiter, der im Büro schlief: Ich schnarche, aber das stört nur meine gelegentlichen Mitschläfer, nicht mich; der korpulente Helfer schnarchte nicht, sondern hatte nach jeweils 70 Sekunden eine Eruption, ergänzt von gelegentlichem Husten. Jedes Schlaflabor würde sich die Hände reiben ob eines solchen Paradefalles!

Schon kurz vor 10 Uhr war der Mechaniker wieder da, überpünktlich! Und ein weiterer, kompetent aussehender Kollege. Auch der Chef kam: Morgen kommen die Teile aus Bosnien. Morgen?? Heute morgen! Man wird sehen. An der Raststätte tobt der Bär: ein ganzes Auto steht auf dem Parkplatz. Die Restaurant-Bedienung entfernt die Grasbüschel von der Terrasse. Beide Tankwarte, der Shop-Verkäufer, der Bar-Chef und die Putzfrau trinken Kaffee. Und jetzt, am geschäftigen Freitag, fährt alle 3 Minuten ein Auto über die Europastraße. Mein ausgebauter Tank steht auf dem Parkplatz zum Trocknen.

Um 13 Uhr kam der Mann aus Bosnien mit Autonummer aus der Nachbarstadt; abends stellte sich heraus: er wohnt dort. Um 14 Uhr stellte man fest, man brauche noch ein Teil, no Problem, das komme aus Novi Sad. Um 15 Uhr waren vier Männer zugange, der Bosnier war offenbar wirklich kompetent - er trug eine Mercedes-Latzhose. Um 16 Uhr teilte man mir mit, man müsse den Tank noch einmal ausbauen und waschen, es seien wieder Späne drin. Um 17 Uhr wurden die Teile wieder eingebaut. Um 19 Uhr war alles fertig, der Chef kam, jetzt fehlte nur noch die Probefahrt. An der Raststätte steppte währenddessen der Bär: um die Mittagszeit rastete ein LKW auf dem Parkplatz, gegen 14 Uhr ein Wohnmobil mit Rentnern aus Wien.

Um 19 Uhr begann die Probefahrt, der bosnische Meister fuhr auf der Autobahn in meiner Begleitung. An der zweiten Ausfahrt kam die Zahlstelle: 3 €. Die waren schnell bezahlt - aber das Ausdrucken des Belegs dauert - dauert - und dauert, selbst wenn ein Einheimischer am Steuer sitzt... Dann gings in ein Dorf, Zmajevo: dort wohnt der Mann mit dem Diagnose-Computer, der gestern noch aus Novi Sad kam. Er betreibt dort eine Werkstatt in seiner alten Scheune. Schon die Fahrt war gut, der Computer meldete keinen Fehler, die Kiste funktionierte wieder, ich strahlte. Auch der bosnische Meister wohnt in diesem Dorf, an seinem Haus hielt er an, bat mich mitzukommen und zeigt mir stolz ein altes deutsches Buch über die Batschka und ihre deutschen Bewohner. Und dann zeigt er mir die Straße entlang in jedem Haus, wer dort wohnt: in den meisten noch immer Deutsche, einige Ungarn, dazu er, der Bosnier; die Straße heißt deshalb auch Nemcki Ulica, deutsche Straße. Dann zurück: an der entgegengesetzten Autobahn-Zahlstelle wollte der Mann im Häuschen 5 € - wohlgemerkt: von seinem Landsmann. Der protestierte, erfolglos, bis er ihm die Quittung der Hinfahrt zeigte. Also doch 3 € - alles Korrutia, meinte der Bosnier. An meiner Werkstatt hängt ein Plakat mit Notrufnummern: Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen, Abschleppdienst - und die Korruptionsbehörde der Polizei.

Wieder an der Werkstatt wollte ich schnell bezahlen und dann Land gewinnen, Iskenderun ruft, am Montag geht die Fähre - also noch 60 Stunden für gut 2000 km, da gilt es, keine Zeit zu verlieren. Ich zücke die Kreditkarte - die aber kann er nicht annehmen, damit muss ich in Begleitung des Meisters zum Bankomaten in die Stadt und serbische Dinar aus dem Bankomaten holen. 1900 € waren vereinbart, dazu das zusätzliche Teil macht 1980 €; ohne Rechnung und 22% Mehrwertsteuer 1950 €, umgerechnet 214.500 Dinar. In Vrbas gibt es drei Banken: die spucken für meine Visa-Karte 60.000 Dinar und für die EC-Karte 100.000 Dinar aus, dann ist Schluss. Damit zurück zur Werkstatt, dort ist der Chef völlig aufgebracht und tobt. Eines seiner Handys ist defekt. Alles Scheiße, brüllt er, sein hochroter Kopf droht zu bersten. Ohne Handy geht hier gar nichts. Auf der Probefahrt hat der Meister mindestens 10 Gespräche geführt in einer halben Stunde. Das mit dem Geld sei no Problem. Ich solle wieder hier schlafen, um 24 Uhr komme er, dann sei ein neuer Tag und die Karten müssten wieder Geld ausspucken lassen. Also sitze ich jetzt um 22 Uhr immer noch hier und schreibe, während an der Raststätte das Freitagabend-Nightlife tobt: ein LKW und vier einheimische PKW! Der Hilfsmechaniker von gestern ist auch wieder da - wahrscheinlich um aufzupassen, dass ich nicht abhaue. Aber das will ich nicht, bin ja ein ehrlicher Mensch und lege mich jetzt bis Mitternacht schlafen.

Samstag, 11. Mai

Eine halbe Stunde nach Mitternacht pochte es an meine Kiste: der Hilfsmechaniker, er werde mich jetzt zum Chef bringen. Mit seinem alten YUGO. Anschnallen sei nicht nötig - und ist auch nicht möglich. Und dann raste er über einen Feldweg mit tiefen Löchern, setzte auf, hob ab - egal. Ich kenne ja auch die Landstraße zur Bank schon - ich habe Angst, richtig Angst um meine Gesundheit. Plötzlich aber: Da Chef: an der Landstraße steht er mit seinem großen SUV - mein Leben ist gerettet. Als ich einsteige präsentiert er sichtlich stolz neben sich seine Freundin, meine große Liebe, was er auch gleich vorführen muss. Sie stellt sich in perfektem Englisch vor als Ärztin. Wie ich bald merke, gehen ihre englischen Sprachkenntnisse nicht weit über diesen Satz hinaus. An der Bank spucken die Karten kein Geld (und an mein Geheimfach bin ich auch inzwischen nicht gegangen, dazu hat die Werkstatt zu viele Augen.) Es ist 0:54 Uhr - ist Serbien uns eine Stunde voraus? In Deutschland also noch kein neuer Tag? Der Chef und ich wissen es nicht.

Also bringen wir jetzt erst die Freundin ins nächste Dorf nach Hause, auf dem Rückweg ist es dann sicher ein neuer Tag. Die Freundin ist Psychiaterin in der Klinik in Vrbas, eine in ganz Serbien bekannte Spezialistin, erfahre ich noch. Am Ziel verabschiedet sie sich von mir, legt wie segnend meine Hand in ihre beiden und spricht lange mit offenbar einfühlsamen Worten, wünscht mir alles gute für die Reise. Dabei sehe ich Dekolleté, ihre Haare, ihr Make-up. Diese Frau ist Spezialistin, macht mindestens Männer glücklich, keine Frage. Zurück an der Bank: kein Geld - wann beginnt für Banker der neue Tag?

Auf der Rückfahrt droht der Chef einzuschlafen. Krampfhaft stelle ich Fragen, damit er die geschlossenen Augen wieder aufmacht. Den neuen Versuch vereinbaren wir für 9 Uhr morgens. Um 8 Uhr lässt er mich wecken, wir fahren im SUV wieder zur Bank; er ist jetzt sichtlich nervös, hat Angst um sein Geld. Aber jetzt spuckt der Automat, er strahlt. In der Werkstatt erneuert er die Einladung zum Abendessen bei regionalem Wein auf meiner Rückfahrt, verabschiedet er sich von seinem Freund mit herzlicher Umarmung - besser: Umdrückung - und sagt, er werde bis Novi Sad hinter mir herfahren - er muss dorthin, ein neues Handy kaufen. Nach ein paar Kilometer gebe ich Gas, es ist ja alles gut, er bleibt weit zurück. Nach 5 km geht der Motor aus, die Kiste steht wieder und geht nicht mehr an. Als der Chef mich eingeholt hat, versucht auch er es erfolglos. Er ist verzweifelt. Das kann nicht sein. Sie haben beste Arbeit geleistet. Es ist unmöglich! Er ruft seinen Kollegen mit dem Abschleppwagen; als der kommt, startet die Kiste wieder. Also geht es nun auf dem Standstreifen 3 km zurück bis zur nächsten Ausfahrt: Meine Kiste mit dem Chef am Steuer, davor der Abschlepper, ganz vorne sein SUV mit einem Arbeiter, der das Rückwärtsfahren nicht geübt ist und in Schlangenlinien die ganze Autobahn braucht. Dann fahren wir ins Dorf mit der deutschen Straße zum Computer-Mann; der Meister ist auch schon da, Handy sein Dank. Der Computer findet den Fehler: ein Kabel war nicht richtig angeschlossen, das kann der Meister schnell beheben.

Gegen 11 Uhr kann ich losfahren. Die Kiste läuft - sie nimmt das Gas nicht recht an, der Turbo funktioniert nicht - das hatte ich schon einmal, das ist ein kleines Problem - bei den Ford-Leuten in Edirne werden sie das schnell beheben. War es also doch nicht die Einspritzpumpe sondern die Elektrik und der ganze Zauber unnötig und ich um viel Geld gebracht? Gestern bei der Probefahrt war die Sonne ja schon untergegangen, aber jetzt scheint sie am wolkenlosen Himmel.

Die Umfahrung Belgrad ist noch immer Landstraße. Hinter Niš dann die Schuchten des Balkan. Bulgarien: ich wusste, davon darf man nichts erwarten. Ich wurde enttäuscht: es ist alles noch absurder. Die Autobahn kostet nicht 5 € wie in den ADAC-Infos beschrieben, sondern 10. Für 135 km, die restlichen rund 200 sind Landstraße. Auf der Autobahn fährt man dort am besten so wie früher auf den Transitstrecken der DDR: grundsätzlich links, denn die rechte Spur ist meist Schlaglochpiste; sollte ausnahmsweise doch noch ein Auto kommen, weicht man kurz nach rechts aus. Als es Nacht wird, bin ich auf der Landstraße; das wollte ich unbedingt vermeiden. Aber in Bulgarien übernachten wollte ich auch nicht; auch der Chef hatte mich eindrücklichst davor gewarnt. Bei Bulgarien verzog er sein Gesicht zum schmerzlichsten Ausdruck; schon zuvor hatte er gemeint, ich hätte Glück gehabt, dass die Kiste in Serbien zickte und nicht in diesem - diesem Bulgarien! Warum dieses Land in der EU ist, aber Serbien und die Türkei nicht, ist mir schon immer ein Rätsel. **

Vor der Ausreise muss ich noch tanken, in der Türkei ist Diesel teuer! Den Geruch im Kassenhaus werde ich nicht vergessen: diese Mischung aus Benzin, Schweineduft und Schweiß. Bulgarien stinkt nach Schwein, so wie früher die DDR nach Schwefel. An der Grenze stehen zwei Uniformierte im Dunkeln, kaum zu erkennen, leuchten mit zwei müden Taschenlampen ins Auto - Tschüss Bulgarien, aber ich muss wiederkommen. Dann die Türkei: riesige, modernste Gebäude, Beamte mit perfektem Englisch. Und um 23 Uhr endlich Edirne.

Sonntag, 12. Mai

Heute ist Sonntag, da arbeitet auch in der Türkei kaum einer, und Ford-Werkstätten gibt es hier in jeder Stadt. Also weiter, auch wenn ich die Fähre morgen sicher nicht mehr bekommen werde, es sind noch 1300 km nach Iskenderun, teilweise Landstraße. Und siehe da: die Kiste läuft jetzt (fast) tadellos, trotz Sonnenschein. Also war es doch die Einspritzpumpe! Die Serben haben nicht beschissen! Die Autobahn ist bestens, dann Ístanbul: da staunt der Provinzler aus Stuttgart: der Verkehr, die Hochhäuser, eine Riesenstadt. Jetzt bin ich hinter der Stadt auf einem - kostenlos! - bewachten Parkplatz mit Sitzklo, freiem Internet, Shops. Und dem prallen türkischen Leben! Ich geh jetzt Essen, denn in all den Tagen gab's nur vier Sandwiches. Trinken würde ich auf meine erneuerte Liebe zu Serbien - leider gibt es hier keinen Wein, auch nicht für Christen. So trinke ich Fanta auf Michi und Carmen.

* So ist jedenfalls der serbische Mythos und daraus folgend das Selbstbewusstsein, auch wenn die historische Wahrheit etwas anders war.

** Oder auch nicht: Serbien ist das alte Jugoslawien und in vielem erkennt man noch immer Titos dritten Weg; das Niveau bescheiden, aber jeder hat ein Auskommen, und alles mit einem Minimum an Stil und Niveau. Aber wer nicht rundrum den Neoliberalismus bejaht, gehört nicht dazu; und die Muslime brauchen wir nach dem Ausfall des Kommunismus als Feindbild - irgendein altbös' Feind muss sein zur Sicherung der Loyalität der Regierten.

Die Tracks:
Wien
Werkstatt
Edirne
Ístanbul

geschrieben am 9. bis 12. Mai 2013



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