Welt bereisen Das Reiseblog des Ökumenischen Heiligenlexikons

Abschied vom Mezzogiorno

   J. Schäfer          

Mittwoch, 26. April

Erstes Ziel heute ist Lokroi Epizephyrioi, die Ruinen der antiken Stadt nahe Locri, wo Modestinus und seine Gefährten im Gefängnis saßen. Um 600 v. Chr. entstand hier das erste griechische Gesetzbuch.


Die Kathedrale in Locri macht wirklich nichts her.

Ein außerordentlich sehenswertes Städtchen ist dagegen Gerace, hoch am Berg gelegen. Dort wurde 1224 durch Daniel von Belvedere das Franziskanerkloster gegründet; der Wächter in dessen jetzt fast leerer ehemaliger Kirche versteht, wie man die Leute um Spenden angeht - Kompliment! - …

… denn außer dem Sarg von 1374 für Nicola Ruffo di Calabria, Regent über Sizilien und Reggio di Calabria, gibt es hier fast nichts.

Das Tor der Franziskanerkirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Inzwischen ist eine Busgruppe Niederländer angekommen, sonst ist in dem attraktiven Städtchen nichts los.

Der Weg zur Kathedrale führt durch die Straße der bei der Arbeit Getöteten. Noch ein Kompliment: so ein Gedenken ist mir sonst noch nie begegnet.
In der sehr alten Kathedrale gibt es in der Unterkirche dieses Freskofragment. Antonius von Gerace kannte wohl diese alte Kapelle, Vitalis von Castronovo lebte wohl dort.

Verbaut wurden in der Kathedrale griechische Säulen aus dem aufgegebenen Lokroi Epizephyrioi. Barlaam von Kalabrien war hier Bischof. 1995, anlässlich des 950. Jahrestags der ersten Weihe der Kathedrale, wurde der Altar durch den katholischen Bischof und einen griechisch-orthodoxen Bischof neu geweiht, das war die erste gemeinsame bischöfliche Altarweihe nach der Kirchenspaltung von 1054.

Die Sakramentskapelle wurde 1431 eingerichtet.

Unvermeidlich: eine Marienstatue.

Die Unterkirche vor der Krypta dient als Museum.

Neben der Kathedrale ein altes Stadttor aus dem 16. Jahrhundert.

Vor der Kathedrale brummt das Leben .

Gerade vorüber: Am Sonntag nach Ostern wird im ehemals zum Kloster San Filippo d'Argiro gehörenden Bauernhof nahe Canolo bei Gerace - heute Santuario - Unsere Liebe Frau von Prestarona verehrt.

In Santa Domenica, einem kleinen Weiler und Ortsteil von Placanica, zeigt sich die Volksfrömmigkeit in der Verehrung der Ortspatronin.

Bekannt ist der Weiler aber durch die Marienerscheinung: vom 11. bis 14. Mai 1968 erschien sie dem damals 18-jährigen Cosimo Fagomeni mit vier Botschaften; Cosimo gründete eine Gebetsbruderschaft, es entstand ein beliebter Wallfahrtsort, wo Maria vom Fels verehrt wird.

Nächstes Jahr ist 50-jähriges Jubiläum und der Ort eine große Baustelle. Interessant ist der Personaleinsatz: acht Mann, um den Beton aus dem LKW fließen zu lassen! Auch bemerkenswert: ich parke an der Einfahrt der Baustelle; die Aufseherin kommt zu mir: ich könne gerne weiterfahren Richtung Kirche - das sind noch 50 m, dann kommt die Absperrung. Aber ein Italiener geht nicht 50 Meter zu Fuß, wenn er sie fahren kann.

Zuerst gab es eine Marienstatue an dem Fels der Erscheinung, dann daneben die kleine Kirche, jetzt wird groß gebaut.

In der kleinen Kirche: die Marienfigur und daneben ihr Bild als Altarbild.

Auf der Weiterfahrt: in eindrücklicher Lage das Kastell von Placanica.

In die ihm geweihte geweihte Klosterkirche in Stilo wurden die Gebeine von Johannes Theristos gebracht …

… und ruhen dort in diesem Altar.

auch bemerkenswert: die Kanzel

Der Dom in Stilo ist Baustelle, es wurden zwei (!) Unterkirchen mit Fresken gefunden, die derzeit ausgegraben werden; ich darf reinschauen …

… und bewundere auch das Tor.

Unterwegs finde ich den Hinweis zu dieser Klosterruine; das schon vor 1000 entstandene Basilianerkloster war den Aposteln geweiht, 1094 wurde es von Kartäusern aus Serra San Bruno übernommen, in der Säkularisation 1807 aufgelöst.

Deutlich eindrucksvoller sind die Reste aus der Ferne.

Das Johannes Theristos geweihte Kloster bei Bivongi ist heute wieder von Rumänisch-Orthodoxen Mönchen bewohnt.

die heutige Mönchssiedlung

Die - neu hergerichtete - Strandpromenade von Marina die Caulonia. Hier ist der laut Internet - als einziger im weiteren Umkreis - akzeptable offene Campingplatz Afrodite - wie vielversprechend: die Göttin der Schönheit, der sinnlichen Begierde und der Liebe. Er ist leider nicht der Göttin, sondern der Strandpromenade entsprechend: ich bin der Einzige und wenn die Sanitärs so ordentlich sind wie der Platz an sich, will ich sie wohl nicht benutzen, Internet funktioniert derzeit leider auch nicht. Danke, dann fahre ich eben wieder ans Kommerzzentrum.
Dort empfangen mich meine gestrigen Nachbarn sehr freundlich, bieten mir einen Schnaps an und deren Bekannter erzählt, wie schlecht es Kalabrien gehe: Keiner in Rom kümmert sich. Als ich meine, das gelte wohl für Kalabrien und für Sizilien, weist er das empört zurück: für Sizilien tue man viel, für Kalabrien nichts. Er habe sechs Kinder, alle seien arbeitslos, er bekomme 1220 € Rente und müsse alle unterstützen. Mein Eindruck ist dennoch, dass es in Kalabrien etwas besser ist als in Sizilien: keine ganz so schlechten Straßen, mehr kleine Industriebetriebe, mehr LKW-Verkehr, etwas besser gekleidete Menschen, weniger völlig heruntergekommene Häuser.
Übrigens: Deutschland geht es gut? Im Vergleich sicherlich, aber auch hier hat von 1991 bis 2016 die Anzahl der in Vollzeit beschäftigten Arbeitnehmer von 28.911.000 auf 23.958.000 abgenommen, die Zahl der Teilzeitbeschäftigten stieg von 6.316.000 auf 15.330.000 an. Minus 5 Millionen ordentliche Arbeitsplätze, plus 9 Millionen prekäre Beschäftigung: das ist das deutsche Jobwunder.
Mit McDonalds' Internet kann ich den nächsten Tag planen, ich werde Orte an der Seite des tirrenischen Meeres besuchen und dort habe ich mir einen Campingplatz ausgesucht, der Bleiben ermöglicht.

Donnerstag, 27. April, bis Dienstag, 2. Mai

Die Kathedrale in Mileto steht auf historischem Boden, hat schon vornormannische Wurzeln; Normannenherrscher Roger I. errichtete um 1083 das Bistum, der Ort war seine Residenz, bevor er seinen erfolgreichen Feldzug gegen die Muslimen auf Sizilien unternahm. Die Kathedrale wurde 1930 errichtet, nachdem der Vorgängerbau bei Erdbeben 1905 und 1908 zerstört worden war. An der ursprünglichen Kirche war Gerland von Agrigento Erzpriester,, Bartholomäus von Simeri von Mönchen des damals angeschlossenen Klosters - fälschlich - beschuldigt, Leo Lukas wurde hier bestattet.

Darin: diese Nikolaus-Statue; die Kathedrale ist neben Maria Assunta ihm geweiht.

ein KatakombenheiligerKatakombenheilige sind als heilig verehrt Gebeine vor allem in den deutschsprachigen Gebieten nördlich der Alpen, die aus Katakomben in Rom stammen, von denen man oft nicht den Namen des Verstorbenen kennt und keinesfalls seine Lebensgeschichte. Besonders nach der Reformation, in der katholische Kirchen oft ihrer Reliquien beraubt worden waren, wurden als Ersatz in Rom die Gebeine Tausender erhoben; ihnen wurde ein Name zugeordnet und oft auch eine Geschichte, (nicht nur) bei bekanntem Namen oft die Geschichte eines tatsächlichen Heiligen.: Fortunatus

In der Kathedrale in Tropea, gebaut im 12./13. Jahrhundert, wird Cyriaca von Nicomedien als Dominica verehrt.

In der Kathedrale ausgestellt: eine von zwei wundersamer Weise - Dank Maria! - nicht gezündeten Bomben, die die Kirche am 4. August 1943 trafen.

Tropea ist beliebtes Touristenziel …

… nicht zuletzt wegen diesem berühmten Bild: der Wallfahrtskirche Santa Maria Dell'Isola.

Vieles ist verblichener Glanz …

… aber eindrucksvoll sind die Altstadthäuser auf dem Fels.

1598 wurde am Stadtrand das Kloster der Kapuziner gegründet.

Dominica geweiht ist auch die Kirche in Santa Domenica di Ricadi.

Der ausgesuchte Campingplatz Costa Verde in Ricadi entpuppte sich tatsächlich als der, auf dem ich schon vor zwölf Jahren einen Urlaub verbrachte. Die einzigen Platzgenossen, ein Rentnerpaar vom Niederrhein, laden mich zur Teilnahme am Abendessen ein; als sie am übernächsten Tag gehen, bin ich allein. Hier erlebe ich auch den ersten Abend und die erste Nacht ohne Pullover - aber nur einmal, dann trübt es sich wieder ein. Vom direkt vor Augen liegenden Stroboli ist wegen Dunst und Wolken erst am letzten Abend - spärlich - etwas zu sehen, sonst aber ist hier alles ordentlich und es gibt eine hervorragende Internet-Anbindung.
Zu lesen gibt es: Die Einnahmen von Autostrade per l’Italia betrugen im vergangenen Jahr 3,8 Milliarden Euro, der operative Gewinn 2,4 Milliarden Euro. Ich hätte ja eine Idee, was die mit dem Geld sinnvolles machen könnten: die maroden Straßen - und auch Autobahnen! - könnten es gebrauchen, die Menschen auch die entstehnden Arbeisplätz. Aber ich gebe zu: ich will den Kapitalismus nicht verstehen, es geht ums Geld machen, nicht darum, es auszugeben. 5% der famösen Firma gehören seit Neuestem dem deutschen Allianz-Konzern.
Ich jedenfals habe einstweilen genug vom Mezzogiorno; die Menschen sind außergewöhnlich freundlich, die Zustände nerven. So habe ich am 1. Mai den Sprung nach Rom gemacht und mich im Camping Roma niedergelassen, um von dort aus die Stadt zu erkunden. Der Platz ist tatsächlich rundum in Ordnung; die Straßen in Rom entsprechen aber eher auch denen des Südens.

Tracks
Locri2
Tropea (nur die 2. Hälfte)
Rom

geschrieben am 29. und 30. April und am 2. Mai 2017


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